Mündige Gesellschaft

Was fördert eine kompetente und kooperative Gesellschaft, mit mündigen Menschen, die mit ihren Schwierigkeiten auch umgehen können? Welche individuellen Fähigkeiten und welche gesellschaftlichen Strukturen helfen uns, Verantwortung für die eigenen Schwierigkeiten zu übernehmen und gemeinsame Handlungsräume und Heilungsmöglichkeiten zu schaffen?

Die meisten Schwierigkeiten lösen Menschen, ohne sich wechselseitig die Köpfe einzuschlagen. Wir können das an sich schon ganz gut. Und diese in Menschen vorhandene Fähigkeit, miteinander auszukommen, können wir auch noch bewusst stärken und ausbauen. Es gibt zahlreiche Trainingsprogramme in Kommunikation, Konfliktlösung oder interkultureller Sensibilität, die uns dabei helfen.

Sei es in Mediation oder in Psychotherapie, in selbstorganisierten Gruppen, professionellen Institutionen oder allein im Wald: ganz viele Wege, uns bewusst mit unserer Lebens- und Zusammenlebensfähigkeit zu befassen und diese zu fördern, sind uns bekannt.

Sowohl als einzelne als auch als Staat können wir unsere Energie, Aufmerksamkeit und Finanzmittel diesen zuwenden und sie nähren und damit gleichzeitig das System des Strafrechts ein bisschen mehr überflüssig machen. Denn soweit kommt es gar nicht erst, wenn Menschen ihre eigenen (Zusammen-)Lebens-Kompetenzen stärken.

Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können

Es gibt also eine ganze Palette an Ansatzpunkten, die uns helfen, Lebenssituationen anders zu begegnen als mit der Logik von Schuld und Strafe. Unseren Horizont des Zulässigen erweitern, entspannen und legalisieren; unsere Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit als Einzelne und als Gesellschaft stärken; Rahmenbedingungen schaffen, die menschlichen Bedürfnissen entsprechen und wenig Nährboden für Probleme bieten.

Was aber, wenn trotz aller Bemühungen immer noch etwas schief geht?

Irgendwo gibt es vielleicht auch den Punkt, wo wir Menschen am besten zur Kenntnis nehmen, dass unsere Macht begrenzt ist und wir nicht immer alles perfekt hinkriegen können. Dass dort, wo Menschen leben, einfach auch immer wieder mal was daneben geht. Mit unseren Fehlern und Schwächen – als einzelne und in der Gesellschaft – leben zu lernen, könnte ein weiteres Mosaiksteinchen sein auf unserem Weg in eine freundliche, menschliche Welt.

Üben wir, die entstehenden Schmerzen zu lindern, den Schaden zu begrenzen, anstatt ihn womöglich noch zu vergrößern, indem wir ihm mit rabiaten Ausmerzungswünschen zu Leibe rücken, de facto damit aber nur noch mehr Unheil anrichten.

Auffangen und Schaden begrenzen: Zum Beispiel Drogen

Alkohol und andere Drogen könnten hier als Beispiel dienen. Tausende Menschen in Österreich sind alkoholabhängig, von Autounfällen über zerbrochene Familien bis zu körperlichen Gewalttaten reicht die Liste der Folgen. Trotzdem: Alkohol zu verbieten (wie in den USA und Teilen Europas schon einmal geschehen) hat diese Probleme nicht unbedingt behoben, sondern eher noch schlimmere hervorgebracht (wie organisierte Kriminalität). Auch bei derzeit illegalisierten Drogen mag es sinnvoller sein, lieber auf eine sanfte Entspannung der Situation hinzuarbeiten, auf eine Unterstützung der Süchtigen, auf eine Minderung des Schadens. „Harm Reduction“ heißt prompt einer der Ansätze, die, auf konkreten Erfahrungen basierend, Maßnahmen vorschlagen, die die Überlebenschancen der Betroffenen verbessern und die Gesellschaftsverträglichkeit erhöhen, selbst wenn eine völlige Abstinenz nicht erreicht werden kann (oder soll? Zumindest bei Alkohol und Haschisch würden wohl viele Menschen in Österreich völlige Abstinenz gar nicht wünschen).

Vielleicht sind wir als Gesellschaft am besten beraten, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur Rauschmittel, sondern auch einen kleinen Prozentsatz von Suchtkranken gibt, und uns darum bemühen, auch unter diesen Umständen das Leben aller möglich und möglichst lebbar zu gestalten. Zur Kenntnis nehmen, dass unsere Macht begrenzt ist, und die Gelassenheit entwickeln, jene Dinge zu akzeptieren, die wir nicht ändern können, und mit ihnen möglichst pfleglich umzugehen.

Kooperative Kommunikation

Durch die gesteigerte Fähigkeit der Menschen, ihren Umgang untereinander verträglich zu gestalten, könnten schwierige Situationen oft gar nicht erst eskalieren, sondern eine für alle annehmbare Lösung gefunden werden.

Oft ist – nicht nur im Alltagsleben – die Ursache eines Konflikts nicht ein bestimmtes Bedürfnis, sondern die Art und Weise, wie der Wunsch kommuniziert beziehungsweise verstanden wird.

Wenn Menschen die Fähigkeit haben, sich miteinander über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu verständigen und dabei zu einer allgemein annehmbaren Vorgangsweise zu finden, erübrigt sich vielfach die Austragung und Schlichtung hoch eskalierter Konflikte.

Die Fähigkeit zu klarer und freundlicher Kommunikation kann sowohl von einzelnen Menschen als auch innerhalb einer Gesellschaft bewusst kultiviert werden.

Gewaltfreie Kommunikation

„Worte können uns trennen oder verbinden, mit ihnen errichten wir Mauern    oderNetzwerk Gewaltfreie Kommunikation Austria eröffnen Fenster.“ Annahmen, die dem Prozess der Gewaltfreien Kommunikation zugrunde liegen sind:

* Alles, was ein Mensch tut, ist ein Versuch, eigene Bedürfnisse zu erfüllen.
* Jegliche Form von Gewalt ist ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.
* Es ist für alle Beteiligten förderlicher, Bedürfnisse durch Kooperation statt durch Wettbewerb zu erfüllen.
* Zum Wohle anderer beizutragen bereitet dem Menschen von Natur aus Freude, wenn er das freiwillig tun kann.“

Literatur zu verschiedenen Zugängen zu Kommunikation:

– Gabriele Seils / Marshall Rosenberg: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation
– David Bohm: Der Dialog
– Brislin, Robert / Yoshida, Tomoko: Improving Intercultural Interactions
– Thich Nhat Hanh: Jeden Augenblick genießen: Übungen zur Achtsamkeit

– Link: Netzwerk Gewaltfreie Kommunikation Austria

Weiterlesen:

Schule | Strafe | Toleranz

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