Strafe

Leid zufügen um Gutes zu tun?

„Die Geschichte der Strafe ist für die Menschheit in vielem nicht weniger beschämend als die Geschichte der Verbrechen.“ Giorgio del Vecchio (1878-1970).

Angesichts dieser Geschichte sind wir wohl gut beraten, extrem vorsichtig umzugehen mit den Befugnissen, die wir staatlicher Zwangsgewalt zubilligen. Die Idee, jemanden absichtlich Leid zuzufügen, um damit vermeintlich in einem größeren Kontext Gutes zu bewirken, hat in einem humanistischen oder allgemein menschenfreundlichen Zugang Argumentationsnotstand, vor allem, wenn der Leidzufügung wenig positive und sogar deutlich negative Wirkung nachgewiesen werden kann (wie etwa der Gefängnisstrafe) und statt dessen wesentlich humanere Alternativen bestehen, die sogar noch bessere Ergebnisse bringen (wie etwa Restorative Justice Programme bei der Präventionswirkung).

Wenn wir ein staatliches System einrichten, haben wir zum Glück Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken. Wir müssen nicht spontan oder im Affekt handeln und haben die Gelegenheit, es an unseren höchsten Idealen auszurichten. Selbst wenn wir im Alltagsgewusel unseren höchsten Idealen nicht immer gerecht werden: Wenn wir unser System daran ausgerichtet haben wird es uns helfen, auch im Einzelfall unseren Idealen gemäß zu handeln.

Wenn die Hand ins Knie schießt: eine Parabel

Angenommen, ich schieße mir mit der rechten Hand ins linke Knie. Ein Gewaltverbrechen ist passiert: das Knie, das Opfer, ist schwer verletzt und blutet. Der Täter ist die Hand: das ist eindeutig. Es gibt Zeugen. 

Was nun? Nun könnte ich mir zum Beispiel in die Hand schießen. Um die Hand zu bestrafen. Denn die war’s. Sie hat ein schweres Verbrechen verübt, und um deutlich zu machen, dass das so nicht geht muss sie bestraft werden. 

Außerdem dient das der Prävention: Diese Hand schießt sicher nicht nochmal irgendwo hin. Kann sie nämlich gar nicht, weil sie selber zertrümmert ist.
Damit ist also das Verbrechen hart bestraft, der Gerechtigkeit Genüge getan und die Gesellschaft geschützt. Das ist gut; denn nur dieses Gerede von „wir sind alle eins“ bringt uns nicht weiter. Es stimmt halt auch einfach nicht: die Hand ist nicht das Knie, das ist offensichtlich.

Und das Knie…? Ach ja, das Knie. Richtig. Daran haben wir ja gar nicht mehr gedacht. Das ist schwer verletzt. Es hat seine Zeugenaussage gemacht, blutend, in unserem Verfahren zur Schuldfeststellung. Und dann haben wir es nach Hause geschickt, blutend.Man hätte ja auch das Knie verbinden können, vielleicht. Sogar als allererste Maßnahme, vielleicht. Und dabei kann die Hand, unzertrümmert, sogar richtig hilfreich sein.


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