Toleranz

Legalisieren, Zulassen, Entspannen

In manchen Bereichen gibt es eine besonders schöne und einfache Alternative zum Strafrecht: die Legalisierung. Zentral dabei ist die Erkenntnis, dass etwas, was die längste Zeit unreflektiert als große Gefahr und gravierendes Übel eingestuft wurde, vielleicht gar nicht (so) schlimm ist. Dass man es einfach zulassen kann. Dies kann ein ungemein befreiender Zugang sein, nicht nur für jene, die bisher unter Strafe und Zwangsgewalt zu leiden hatten, sondern darüber hinaus für die Gesellschaft als Ganzes.

Ein Paradebeispiel dafür wäre Homosexualität: seit wir uns als Gesellschaft nicht mehr fürchten (und Homosexualität nicht mehr kriminalisieren), ersparen wir uns ganz viel künstlich geschaffene Dramen und Schmerzen, und es ist wesentlich angenehmer für alle. So ließe sich wohl einiges im Bereich des Sexualstrafrechts bereinigen. Vielleicht auch ganz andere Dinge, wie die Herabwürdigung des Staatswappens.

Woher kommt das Problem?

Oft entsteht ja das Problem erst durch die Bemühungen, es zu beseitigen, beziehungsweise wird es dadurch erst so richtig schlimm. Die Idee, dass der Staat meine Eltern ins Gefängnis sperren sollte weil ich übers Wochenende mit meinem Freund zu ihnen komme und mit ihm in meinem alten Zimmer schlafen scheint uns zum Glück heute schon absurd (Kuppelei-Verbot). Auch verhängt der Staat zum Glück keine Gefängnisstrafen für Ehebruch. Scheidungs- und Trennungsprozesse sind meist so schon schwierig und schmerzlich genug. Unsere Beziehungsgeschichten werden nicht einfacher, angstfreier und liebevoller wenn der Staat sich mit Strafverfahren zuschaltet. In vielen Bereichen haben wir das schon erkannt und die Schlussfolgerungen gezogen; in einigen wäre das vielleicht noch möglich.

Irgendwo gibt es dann auch den Übergang von Dingen, die für mich einfach in Ordnung sind, hin zu jenen, die ich persönlich ärgerlich oder widerlich finde. Auch bei diesen sollten vielleicht alle anderen die Freiheit behalten, nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu leben (und nicht nach meinen).

Voltaire

Ich teile Deine Ansichten nicht –                           Je ne partage pas tes opinions
aber ich bin bereit,                                                mais je suis prêt à donner ma vie
mein Leben dafür einzusetzen,                               pour te permettre
dass Du sie frei äußern                                         de les exprimer
und ausleben kannst.                                          et de les vivre librement.

Dieses bekannte Zitat von Voltaire macht nicht nach „äußern“ einen Punkt, sondern fährt fort mit „et de les vivre librement“, also schließt auch das Leben dieser Ideen mit ein.

Toleranzschwelle bestimmen

Vielleicht könnten wir unsere Toleranzschwelle etwas anheben? Vielleicht könnten wir unseren Horizont möglicher Lebensweisen öffnen, und viel mehr Möglichkeiten des Menschseins zulassen? Das beinhaltet dann wohl die Freiheit der anderen, Dinge zu tun, die ich wirklich komisch oder abstoßend finde.

Eine Unterscheidung zwischen „selber nicht mögen“ – „bei anderen dagegen sein“ – „verbieten wollen“ – „bestrafen wollen“ scheint sinnvoll.

Nur weil etwas verboten ist, ist es noch lange nicht weg.

Nur weil ich’s nicht mag ist es noch lange nicht schlecht. Nur weil etwas schlecht ist muss es noch lange nicht verboten werden. Nur weil etwas verboten ist, ist es noch lange nicht weg. Im Gegenteil, es kann auch in einer illegalisierten und noch hässlicheren Form zum Vorschein kommen.

Umgekehrt gibt es viele Arten, sich hilfreich Problemfeldern zuzuwenden, die nichts mit Verbot zu tun haben, sondern mit Hilfe. Hier kann auch eine andere Logik zur Anwendung kommen: die Trennung von Person und Handlung: Ich finde die Tat abscheulich, und bin dafür, dass der Mensch alle nur erdenkliche Unterstützung erhält.

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